Germanische Glaubens-Gemeinschaft - GGG
Die Ältere Edda

edda

Unter der Bezeichnung "Edda" verstehen wir zwei altnordische Sammlungen von germanischen Götter- und Heldenmythen. Die ältere Edda, die auch Sæmundar-Edda oder Lieder-Edda genannt wird, besteht aus Götterliedern und Heldenliedern, dazu kommen noch die in beiden Gattungen enthaltenen Spruchweisheiten. Die jüngere Edda, die auch Snorra-Edda oder Prosa-Edda genannt wird, enthält eine systematische Darstellung der germanischen Mythologie in ungereimter Erzählform, dazwischen finden sich Strophen aus der älteren Edda oder von den Skálden ("Dichtersänger").

Der Name "Edda" wurde verschieden gedeutet (etwa von óðr = Dichtkunst, von Oddi = Buch aus Oddi oder von lat. edo = ich verkünde), doch gibt die Edda selbst Auskunft über diese Bezeichnung. In dem zur eddischen Dichtung gehörenden Götterlied, der Rígsþula (Strophe 4 und 7), findet sich das Wort in der Bedeutung "Urgroßmutter". Damit ist gemeint, daß in der Edda Überlieferungen enthalten sind, die wie von einer Urgroßmutter erzählt sind. Im mythischen Verständnis ist diese Urgroßmutter die Erdgöttin selbst.

Die Haupthandschrift der älteren Edda ist das Konungsbók eddukvæði, besser bekannt unter dem lateinischen Namen Codex Regius Nr. 2365, 4to. Die Pergamenthandschrift mit 90 Seiten (mit einer Lücke von wahrscheinlich 8 Blättern nach Blatt 32) wurde vermutlich in den 70er Jahren des 13. Jhs. von einem Schreiber nach einer (verlorenen) schriftlichen Vorlage niedergeschrieben. Der Codex enthält 10 Götterlieder und 21 Heldenlieder. Nach ungewissem Schicksal kam diese Handschrift 1643 in den Besitz des Bischofs Brynjólfr Sveinsson von Skálholt. Über Þormóðr Torfason kam die Handschrift 1662 in den Besitz des dänischen Königs Frederik III., der sie in die königliche Bibliothek in Kopenhagen brachte. 1971 wurde der Codex Regius feierlich als erste einer Reihe von Handschriften nach Island zurückgebracht. Hier wird er in der Handschriftenabteilung der Universität (Stofnun Arna Magnussonar) in Reykjavík aufbewahrt. 50 Strophen der Voluspá, dem ersten Götterlied der älteren Edda, sind auch in der Hauksbók, dem Codex Arnamagnäanus Nr. 544, 4to zu finden. Die Hauksbók wurde von 1306-08 für Haukr Erlendsson, dem norwegischen Logmaðr (Gesetzsprecher) auf Island verfaßt. In der Flateyjarbók, Codex Regius Nr. 1005 fol. (um 1328-1387 geschrieben), findet sich nur ein Götterlied, das Hyndluljóð mit der Voluspá in skamma. Weitere Lieder sind in Handschriften der jüngeren Edda und Eddabruchstücke im Codex Arnamagnäanus AM 748 I, 4to (darunter Baldrs draumar) erhalten.

Die jüngere Edda ist als Codex Regius Nr. 2367, 4to erhalten, bekannte weitere Handschriften sind der Codx Upsaliensis Nr. 11, 8to, der Codex Wormianus Nr. 242 fol. (dort auch die Rígsþula) und der Trektarbók (Utrechter Papierhandschrift). Fragmente der jüngeren Edda finden sich auch im Codex Arnamagnæanus Nr. 748, 4to., in Arnamagnæanus 756, 4to und 757, 4to. sowie Arnamagnæanus 1eß fol. Von der älteren und jüngeren Edda existieren etwa 20 jüngere Papierhandschriften, in denen auch einzelne weitere Lieder erhalten sind, z. B. Svipdagsmál (in NkS 1111 fol.; SKB pap. fol. 34; SKB pap. 8vo 15 und AM 738, 4to) oder Hrafnagaldr. Reich bebildert ist z. B. eine Handschrift von Ólafur Brynjúlfsson aus dem Jahre 1760 (Ny. Kgl. Sml. 1867, 4to, heute in Reykjavík) und ganz ähnlich eine von Jakob Sigurðsson in Vopnafjorður von 1764, die sich heute in Privatbesitz in den USA befindet.

Seit der deutschen Übersetzung der Edda durch Karl Simrock (um 1850) teilt man die Götterlieder in drei Hauptgruppen. Nach der Voluspá, die wie eine Übersicht über das gesamte Weltenschicksal allein steht, folgen fünf Óðinslieder, also Lieder, in denen der Gott Óðinn im Mittelpunkt steht, dann folgen fünf Þórslieder und schließlich fünf Vanenlieder, wobei hierzu auch die Rígsþula gezählt wird, obgleich Rígr-Heimdallr kein Vane ist.

Die Heldenlieder teilen sich in drei Sagenkreise: die Wielandsage, die Helgisage und die Sigurð- und Guðrúnsage (Niflungar und Volsungar).

Die vollständige Edda enthält also die folgenden Götterlieder:

Voluspá (Vsp.)
Grímnismál (Grm.)
Vafþrúðnismál (Vm.)
Forspiállsljóð oder Hrafnagaldr Óðins (Hg.)
Vegtamsqviða oder Baldrs draumar (Bdr.)
Hávamál (Hav.)

Hábarðzljóð (Hrbl.)
Hymisqviða (Hym.)
Lokasenna oder Aegisdrecka (Ls.)
Þrymsqviða oder Hamarsheimt (Þrq.)
Alvíssmál (Alv.)

For Skírnis oder Skírnismál (Skm.)

Grógaldr oder Svipdagsmál I (Gg.)
Fjolsvinnzmál oder Svipdagsmál II (Fj.)
Rígsþula oder Rígsmál (Rþ.)
Hyndluljóð (Hdl.)

Die jüngere Edda enthält die folgenden Hauptstücke

Formáli
Gylfaginning (Gylf.)
Brageroður (Brag.)
Skáldskaparmál (Sksk.)
Grottasongr (Grt.)
Háttatal (Hát.)

1. bis 4. Grammatischer Traktat

Skáldatal (Skt.)
Nefnaþulur (Nþ.)

Es gibt darüberhinaus auch eine Gruppe von Liedern, die nicht zur Edda gehören, aber von ihrer Art her ähnlich sind. Man ordnet sie in die Gruppe der eddischen Dichtung. Hierzu gehören z. B. das Sólarljoð, Darraðarljóð, die Eiriksmál oder die Hákonarmál.


Vortrag und Strophenarten

Bei den Liedern der älteren Edda sind hauptsächlich zwei Strophenarten verwendet worden, nämlich Fornyrðislag und Ljóðaháttr. Fornyrðislag ("Versmaß für alte Sagen"), dt. "Lied- oder Erzählton" genannt, besteht aus vierzeiligen Strophen, wobei jede Strophe aus Langzeilen besteht. Eine Langzeile wiederum kann man in zwei Kurzzeilen auflösen. Hier ein Beispiel für Fornyrðislag (Vsp. 3):

Ár var alda, þat er Ymir bygði,
vara sandr né sær né svalar unnir;
iorð fannz æva né upphiminn,
gap var ginnunga, enn gras hvergi.

(Einst war das Alter, da Ymir lebte,
Da war nicht Sand, noch See noch Salzwellen;
Erde nicht fand sich noch Überhimmel,
Schlucht der Erscheinungen, und Gras nirgends.)

Dieses Versmaß, von dem sich auch eine Strophe auf dem dänischen Runenstein von Rök (um 800 u. Zt.) findet, steht der altgermanischen Langzeilendichtung am nächsten. Die Strophen weisen acht zweihebige Verszeilen mit freier Silbenzahl auf, die den Halbversen der germanischen Langzeilen entsprechen. An- und Abverse sind durch den Stabreim (Alliteration) miteinander verbunden. Ein Beispiel für eine germanische Langzeile, die aus zwei Kurz- oder Halbzeilen besteht und Stabreim enthält, findet sich z. B. auf dem Runenhorn von Gallehus (um 400 u. Zt.):

Ek hlewagastiz holtijaz horna tawido

(Ich, Hlewagastiz aus dem Holz das Horn fertigte).

Bei der ältesten germanischen Dichtung gab es noch keine Stropheneinteilungen, sondern es wurden Langzeilen an Langzeilen gereiht, wie z. B. im altenglischen Beowulfepos. Ähnlich war auch die Edda gedichtet, und noch heute ist die vierzeilige Strophe nicht überall streng eingehalten und zeigen die erhaltenen Melodien, daß eine Stropheneinteilung ursprünglich nicht vorhanden war.

Beim Stabreim (im Gegensatz zu End- oder Binnenreim) reimen sich die wichtigen Anverse. Bei der Verteilung der Stäbe (der stabenden Laute) gibt es bestimmte Grundtypen. Die Langzeile weist zwei oder drei Stäbe auf, von denen einer oder zwei in der ersten Halbzeile (= Abvers) stehen und einer im zweiten Halbvers (= Abvers). Die Stäbe können nur in den druckstarken Silben, den Hebungen oder Ikten des Verses, stehen. Da der Stab normalerweise auf die erste Hebung des Abverses fällt, ergeben sich im wesentlichen drei Möglichkeiten für die Plazierung der stabenden Laute:

1. Stabreim auf der ersten Hebung des Anverses (Vsp. 1):
Hlióðs bið ek allar helgar kindir.

2. Stabreim auf der 2. Hebung des Anverses (Vsp. 4):
þeir er miðgarð, moran, skópo.

3. Stabreim auf beiden Hebungen des Anverses (Vsp. 1):
forn spioll fira, þau er fremst um man.

Ausnahmen sind Fälle, wo der Abvers zwei Stäbe hat oder der Stab auf die zweite Hebung des Abverses fällt.

Eine Besonderheit ist es, daß beim germanischen Stabreim alle Selbstlaute miteinander staben können (Aqv. 8):

ylfstr er vegr okkar, at ríða ørindi.

Der Stabreim ist sehr wahrscheinlich aus dem Runenkult entstanden, wo der Priester drei Runenstäbchen loste und aus ihren Begriffen einen "Stabreim" bildete.

Aus dem Versmaß Fornyrðislag entwickelten sich später auch die Versmaße Málaháttr (Erzählton) mit mindestens 5 statt 4 Silben pro Verszeile, sowie Kviðuháttr (Verston) mit dreisilbigem Anvers und viersilbigem Abvers.

Das andere Hauptversmaß der älteren Edda ist der Ljóðaháttr ("strophisches Versmaß"), dt. auch Spruch- oder Liedton genannt. Es ist das Versmaß der eddischen Wissens-, Lehr- und Zauberdichtung, das sind diejenigen Eddalieder, deren Liedtitel auf "-mál" endet (z. B. "Hávamál"). Die Strophen dieses Versmaßes sind vierzeilig, wobei jeweils eine Langzeile mit einer Kurzzeile wechselt (Háv. 49):

Váðir mínar gaf ek velli at
Tveim trémonnom;
Rekkar þat þóttuz, er þeir rift hofðo,
neiss er nøcqviðr m(aðr) halr.

(Mein Gewand gab ich auf dem Felde
Holzmännern zweien.
Bekleidet dünkten sie Kämpen sich gleich,
Während Hohn den nackten Mann neckt).

Selbstverständlich finden wir auch hier den Stabreim. Dem Ljóðaháttr sehr ähnlich ist der Galdralag ("Versmaß für den Galdr"), dt. auch Zauberton genannt. Hier wird lediglich die vierte (Halb-)zeile der Strophe (zuweilen mehrfach) fast wörtlich wiederholt (Háv. 156):

Þat kann ek iþ tíunda, ef ek sé túnriðor
Leika lopti á:
Ek svá vinnc, at þeir villir fara
sinna heim hama,
sinna heim huga.

(Ein zehntes kann ich, wenn Zaunreiterinnen
Durch die Lüfte lenken:
So wirk ich so, daß verwirrt sie fahren
In heimischer Gestalt,
In heimischem Gedenken.)

In der jüngeren Edda finden wir neben diesen klassischen Versmaßen auch das Dróttqvætt ("Fürstenton"), das gewöhnliche skáldische Versmaß mit seinen zahlreichen Varianten, die in den Háttatál ("Strophenverzeichnis") genauer erläutert werden.

Nun wollen wir noch die Frage beantworten, ob und wie die Lieder der Edda vorgetragen wurden. Es gibt aus verschiedenen Quellen alte Melodien zum Vortrage der Eddalieder, deren Echtheit anerkannt ist. Diese Melodien werden an anderer Stelle noch veröffentlicht werden. Das Vorhandensein dieser Melodien beweist, daß die Eddalieder auch tatsächlich gesungen worden sind. Auch die Bezeichnung "-qviða" (moderner: "-kviða"), z. B. in Liedertiteln wie Hymisqviða, deutet auf einen Vortrag mit Gesang hin, denn der Begriff bedeutet "rezitierend vortragen" (altnord. qvað = Sprechen); es handelt sich dabei um die sogenannten doppelseitigen Ereignislieder, also Lieder, in denen Strophen sich mit Prosatexten wechseln. "Queða" kann auch "Dichten" und "mit Instrument vortragen" bedeuten. Das nordische "ljóð" entspricht in etwa unserem deutschen "Lied". Nur bei sehr wenigen Ausnahmen ist eine singende Vortragsweise auf Grund des unregelmäßigen Strophen- und Zeilenmaßes nur schwer vorstellbar, etwa bei der Hárbarðzljóð.

Wenn wir aber wissen, daß die Lieder der Edda (übrigens nachweisbar noch bis in das 17. Jh. hinein) auch vorgesungen wurden, dann ist auch die Frage, wann dies geschah, schon fast beantwortet. Es konnte nur geschehen, wenn viele Menschen zusammenkamen, und das passierte nur auf den Jahresfesten. Die Lieder der Edda wurden also auf den heidnischen Jahresfesten vorgetragen, und es ist denkbar, daß sie auch - wenn gerade kein Skálde anwesend war - nur vorgesprochen wurden. Hier ist dann aber darauf zu achten, daß die beiden Hebungen jeder Zeile, die den Stabreim tragen, scharf herausgehoben werden sollten, ganz gleich, wo sie im Verse stehen. Der gleiche oder verwandte Anlaut in gleichen Silben muß laut und klar, die Senkungssilben dagegen mit merklich geringerem Nachdruck gesprochen werden. Man lasse sich durch die stark wechselnde Zahl der unbetonten Silben nicht dazu führen, auf die Einhaltung eines klaren und festen Rhythmus zu verzichten. Die altgermanischen Namen werden dabei immer auf der ersten Silbe betont.

Über den Vortrag von alten Götter- und Heldenliedern, die ja bereits Tacitus in der Germania erwähnt, berichtete auch der Chronist Jordanis in seiner Getica (um 550). Er erzählt, daß die Goten zuerst begonnen haben, die Taten ihrer Vorfahren mit Harfe zu besingen. Dabei meinte er keine dreiecksförmige Harfe, sondern eine Art Leier mit 6 Saiten, genannt Chrotta (Rotte, Rota, Crwth). Bruchstücke derartiger Chrotten wurden vom 7. Jh. (Sängergrab von Oberflacht) bis zur Víkingerzeit gefunden, und auch in Handschriften oder auf Stabkirchen, Bildsteinen usw. sind diese Instrumente abgebildet. Die Stimmung dieser Chrotten ist nicht überliefert (anders als bei den Griechen), aber wir dürfen wohl annehmen, daß sie pentatonisch gestimmt waren.


Datierung der Edda

Die Mehrheit der Wissenschaftler datiert die Entstehung der älteren Edda auf die Zeit um 1270 u. Zt., also in eine rein christliche Zeitepoche, in der in einer Art Renaissance die Menschen sich wieder für ihre Vergangenheit interessierten. Dem Konugsbók eddukvæði soll eine um 1240 entstandene Vorlage vorausgegangen sein. Angeblich 270 Jahre nach der offiziellen Einführung des Christemtums auf Island entstanden, kann die Edda somit kein objektives Bild des germanischen Heidentums vor dem Jahre 1000 liefern. Auch ist von größerem christlichen Einfluß (direkt oder indirekt) auszugehen, und als Quelle für einen heidnischen Glauben ist die ältere Edda somit nicht oder nur sehr bedingt zu gebrauchen.

Demgegenüber habe ich bereits 1988 darauf hingewisen, daß die ältere Edda früher aufgeschrieben wurde und somit als Hauptquelle für den heidnischen Glauben unbedingt glaubwürdig ist.

Die Datierung des Codex Regius der älteren Edda auf das Jahr 1270 ist weder dadurch erfolgt, daß sich auf der Handschrift vielleicht eine Jahreszahl befindet, noch durch die C14-Methode, noch durch Dendrochronologie. Einzig und allein sprachliche und grammatikalische Indizien werden hierbei angeführt. Diese Datierung ist also recht willkürlich und basiert auf den Einschätzungen der Forscher, da es ja vergleichbare Texte nicht gibt. Schon diese Datierung ist abzulehnen, zumindest in Frage zu stellen.

Da diese Frage von großer Bedeutung ist, soll sie hier genauer behandelt werden.

Die Eddadatierung stammt von Wissenschaftlern einer christlich geprägten Gesellschaft; fast immer sind diese Wissenschaftler selbst Christen oder sogar Theologen (wie Simek). Die Absicht, die Edda nicht nur in eine christliche Zeit zu datieren, sondern den Eddaliedern auch jegliche mythologische Bedeutung abzusprechen, ist z. B. bei Simek (2003) ganz deutlich. Schließlich fürchten die Christen nichts so sehr, wie das Wiedererstehen der heidnischen Religion. Während man es bei der Bekämpfung mit fernöstlichen Kulten noch relativ leicht hat - schließlich sind sie hier bei uns immer exotisch und werden es auch bleiben - hätte man es mit einem starken Heidentum ungleich schwerer, da viele Bräuche und Zeremonien im Volke noch lebendig sind und daher schwer bekämpft werden können. Das Heidentum ist etwas Bekanntes, mit unserer Kultur untrennbar verbunden und daher eine besondere Bedrohung. Auch würde die Kenntnis heidnischer Mythen die Herkunft vieler kirchlicher Zeremonien aus dem Heidentum entlarven und die Legenden von der "Kirche als Kulturbringer" würden wie ein Kartenhaus zerfallen.. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern man findet diese Tendenz, germanische Quellen abzuwerten, von Tacitus bis zu Grimms Märchen, auch auf dem Gebiet der Volkskunde toben heftige Auseinandersetzungen (etwa zum Thema Ostereier als heidnischen Brauch oder christliche Abgabeneier). Heidnische Forschung muß sich also besonders mit dieser Art von Quellenkritik auseinandersetzen.

Von der Wissenschaft werden verschiedene Argumente für eine jüngere Entstehungszeit der Edda vorgebracht. So wird die Frage gestellt, inwieweit einer Sammelhandschrift mit mehreren nach bestimmten Kriterien zusammengestellten Liedern wie der Edda, auch Sammlungen nur einzelner Lieder oder Liedgruppen vorausgegangen sein müßten. Derartige Sammlungen sind nicht erhalten, werden aber von der Wissenschaft vorausgesetzt, wobei die erhaltenen Fassungen der Edda das systematische Ende einer unsystematisch begonnenen Sammlung sein müßten. Diese vermuteten, aber nicht erhaltenen Vorstufen zur Sammelhandschrift der älteren Edda drängen die Entstehung der Sammelhandschrift in eine jüngere Zeit. Snorri Sturlusson schrieb im Vorwort seiner Heimskringla:

>Der Priester Ari inn fróði, ein Sohn von Þorgils Gellirsson, war der erste Mann hier zu Lande [Island] der in nordischer Sprache alte und neue Geschichten niederschrieb<.

Ari Þorgilsson inn fróði, der vermutlich auch Gode war, lebte von 1067 bis 1148, in seiner Zeit begann man mit dem Schreiben in altnordischer Sprache und könnte mythologische Einzellieder aufgezeichnet haben, eine Sammelhandschrift derartiger Lieder wie die Edda müßte dann jünger sein.

Sæmundur Sigfusson lebte von 1056 bis 1133. Es ist also rechnerisch möglich, daß Ari mit 19 Jahren (1086) begonnen hatte, Texte in Landessprache aufzuschreiben und Sæmundur es erst nach ihm, also ab 1087 tat. Da war Sæmundur 31 Jahre alt. Dann stimmt die Bemerkung Snorris in der Heimskringla, und dennoch kann Sæmundur als Aufzeichner der Eddalieder angesehen werden.

Es ist außerdem festzustellen, daß der Aufzeichner der Eddalieder wohl kaum bekanntgemacht haben wird, daß er heidnische Texte aufschrieb, da ihm das damals sicherlich Ärger eingebracht hätte. Island war christlich und die Christen duldeten einen derartigen Rückfall in die heidnische Welt nicht. Es ist also durchaus möglich, daß schon vor Ari jemand die Eddalieder gesammelt und aufgeschrieben hatte. Und daß eine derartige Sammlung notwendigerweise Vorstufen gehabt haben müsse, ist nicht zwingend erforderlich. Es ist sehr gut vorstellbar, daß die Lieder direkt aus mündlicher Überlieferung aufgezeichnet worden sind.

Es wird von der Wissenschaft dann noch auf einzelne Formulierungen in Eddaliedern hingewiesen, die "alte Vorzeit" (forneskia, d. i. "Vorzeit") erwähnen und - so die Folgerung - somit nicht in dieser Zeit entstanden sind. So zum Beispiel im Lied HH. II, Schlußprosa:

>Es war Glaube im Altertum, daß Menschen wiedergeboren würden.<

Oder in den Fm. Prosa nach 1:

>Weil es im Altertum Glaube war...<

Ähnliche Stellen: Vsp. 1, HH. 36, HH. II 13 Pr., Od. 1, Vqv. Pr. 1, Hm. 2.

Diese "alte Zeit" kann aber auch innerhalb des Heidentums eine ältere Zeitepoche meinen, denn auch das Heidentum hatte sich immer wieder gewandelt, was man sehr gut am Wechsel der Bestattungssitten sehen kann: Dem Brandzeitalter (brunaold) folgte das Hügelzeitalter (haugsold), wie das Vorwort der Heimskringla berichtet. Der Begriff "alte Vorzeit" ist also nicht notwendig auf die heidnische im Gegensatz zur christlichen Zeit zu deuten.

Dann hat man auf bestimmte Götterlieder hingewiesen, in denen die Götter verspottet oder sehr negativ dargestellt werden, z. B. Lokasenna oder Hárbarðzljóð. Derartige Lieder - so meint man - könnten nicht mehr in der heidnischen Zeit entstanden sein. Als Gegenargument wurde vorgebracht, daß auch der Hinduismus entsprechende Spottlieder kennt und es durchaus möglich wäre, daß solche Lieder auch bei den Germanen schon in heidnischer Zeit existierten. Hier verspotten schließlich nicht Menschen Götter, sondern Götter einander, was ein großer Unterschied ist.

Schließlich wurde auf das Vorhandensein von Kenningar (dichterische Umschreibungen) in einigen Eddaliedern hingewiesen; derartige Kenningar wurden von den Skálden noch in christlicher Zeit häufig verwendet und ihr Vorhandensein soll beweisen, daß die betreffenden Eddalieder erst aus der späten Skáldenzeit stammen können. Dies ist allerdings überhaupt kein Beweis, denn schon in dem ältesten Eddalied, der Voluspá, finden sich einige Kenningar (Str. 27: Valfoðrs Pfand, Str. 48: der Bergwege Weiser, Str. 60: Weltumspanner, Str. 63: Windheim usw.), aber auch bei den älteren Skálden, z. B. Egill Skallagrímssón (9.-10. Jh.).

Die Aufzeichnung der Lieder der älteren Edda wird von den traditionellen Heiden dem isländischen Gelehrten und Geschichtsforscher Sæmundur Sigfússon inn fróði zugeschrieben. Sæmundur lebte von 1056 bis 1133, er war Góði (ursprünglich "Priester", in der christlichen Zeit aber nur noch "Häuptling") aus der Sippe der Oddaverjar. Sæmundur war nach den isländischen Volkssagen einer der letzten ganz großen germanischen Zauberer und entstammte einer heidnischen Priestersippe, denn auch seine beiden Schwestern, Halla und Flin waren große Zauberinnen (Ursula Mackert, Sagen aus Island, Frankfurt/M. 1978, S. 130). Um den christlichen Glauben genauer kennenzulernen, reiste Sæmundur zusammen mit zwei isländischen Freunden nach Frankreich, wo er (in Paris) studierte, sowie nach Rom und Norwegen. Auf dem Weg durch Mitteleuropa konnte Sæmundur die "Errungenschaften" der christlichen Feudalgesellschaft gut beobachten: Missionierungskriege, Leibeigenschaft, Unterdrückung und Unfreiheit. Wieder in seiner Heimat (1076) ließ sich Sæmundur zum Priester weihen - vermutlich aus taktischen Gründen - und begann damit, die alten heidnischen Lieder zu sammeln, um sie vor dem Vergessen zu retten und um in einer späteren Zeit dieses Weltbild wieder erneuern zu können. Diese Aufzeichnung der Eddalieder soll um das Jahr 1087 erfolgt sein. Als geweihter Priester konnte Sæmundur nicht wegen seiner heidnischen Sammlung angegriffen werden, außerdem wird er versucht haben, auf das christliche Priestersystem in einem heidnischen Sinne Einfluß zu nehmen. Damals gab es noch die sog. "Godenkirchen", d. h. die Goden betrieben eigene Kirchen wie in heidnischer Zeit die Tempel, und nahmen dafür den Kirchenzehent ein wie früher den Tempelzoll. Sie konnten verheiratet sein und waren von Weisungen der Kirchenoberen relativ unabhängig. Vor diesem Hintergrund ist Sæmundurs Unterstützung von Bischof Gizurr bei der Einführung des Zehents 1096 zu sehen. Sæmundurs Unterstützung der Bischöfe Ketill und Þorlákr bei der Einführung christlicher Gesetze im Jahre 1123 ist wahrscheinlich als inhaltliche Einflußnahme auf diese Gesetze, deren Einführung nicht zu verhindern war, zu deuten. Es ging also nicht darum, heidnische Gesetze durch christliche zu ersetzen, sondern darum, möglichst viele heidnische Gesetze in die schon seit Jahren geltenden Christengesetze hinüberzuretten.

Was Sæmundur sammelte und niederschrieb, war keine willkürlich zusammengewürfelte Sammlung älterer Bruchstücke durch einen Christen, sondern das Kern- und Hauptstück der alten heidnischen Religion. Da Sæmundurs Sippe, aber auch seine Freunde wie z. B. Bogi Einarsson, germanische Götterpriester (im christlichen Gewande) und Zauberer waren, wußten sie bei der Sammlung der Eddamythen sehr genau, was, in welchem Umfange und in welcher Reihenfolge sie da taten. Sæmundurs Sohn hieß Loptr, das ist ein Beiname des Gottes Loki. Schon diese Namensgebung zeigt, daß Sæmundur kein Christ gewesen sein kann. Im Jahre 1000 u. Zt. wurde durch Alþingbeschluß auf Island das Christentum eingeführt, wobei der damalige Logsogumaðr von den Christen bestochen war. Der Hauptgrund, warum viele Isländer das Christentum annehmen wollten, war der Wunsch nach einer Glaubens- und Rechtseinheit im Lande und mit Norwegen, gleichzeitig befürchtete man Übergriffe des norwegischen Herrschers Ólaf Tryggvason gegen Island und seine Unabhängigkeit, wenn man weiterhin heidnisch blieb, wo doch alle anderen nordischen Länder bereits christlich waren. Da Ólaf Tryggvason im Jahre 1000 starb, und auch Norwegen nun wieder 16 Jahre lang heidnisch wurde, ist zu vermuten, daß auch die Isländer sich nicht allzusehr um die Annahme des neuen Glaubens mehr kümmerten. Die Ausübung des Heidentums im privaten Bereich war bei diesem Glaubenswechsel sowieso weiterhin zugelassen, auch das Kinderaussetzen und Pferdefleischessen blieb erlaubt. Die Menschen um die alte Godenschule Oddi waren alle Goden und Heiden, und haben dafür gesorgt, daß die heidnischen Mythen nicht in Vergessenheit gerieten, weil sie selbst noch daran glaubten. Sie kämpften für die Selbstständigkeit und finanzielle Unabhängigkeit von Oddi und ihren "Godenkirchen", also christlichen Kirchen (ursprüngliche Tempel), die von Goden (nun nur noch im Sinne von Häuptlingen) betreut wurden und in denen - das kann man vermuten - auch weiterhin im Verborgenen heidnische Feste gefeiert wurden.

Die isländischen Volkssagen schreiben die Sammlung der Eddalieder jedenfalls eindeutig Sæmundur zu (Jón Árnason, Íslenzkar Þjóðsögur og Aevintýri, Reykjavík 1954, S. 473-475), und auch als 1643 Bischof Brynjólfur Sveinsson von Skálholt die Haupthandschrift der älteren Edda (Konungsbók eddukvæða) wiederentdeckte, erinnerte er sich dieser Sage und setzte die Worte "Edda Sæmundi multisci" auf den Codex.

Die Volkssagen berichten übrigens auch davon, daß Sæmundur eine "schwarze Schule" zu Oddi (Südwest-Island) betrieben habe und dem Teufel manchen Streich spielte. Diese Sagen deuten auf die einstige Stellung Oddis als Goden- und Skáldenschule, und so wundert es nicht, daß auch Snorri Sturlusson hier zeitweilig lebte.

Es gibt also keinen Grund, an Sæmundur als Sammler der Eddalieder zu zweifeln. Derartige Lieder konnten in christlicher Zeit nur noch im kleinen Kreise der alten Godensippen weitergegeben und aufgezeichnet werden, und diese Kreise hatten Oddi, die ehemalige Godenschule, als Mittelpunkt. Noch bis 1300 hatte die Pfarrei zu Oddi bestimmte Sonderrechte was ihre Selbstständigkeit betraf und das Recht, den Kirchenzehnten selbst zu kassieren, die von ihrer einstigen Bedeutung als Godenschule herrührten.

Aus dem Angeführten ergibt sich, daß in der Edda sicher kein christlicher Einfluß vorliegt. Nichtsdestotrotz hat man z. B. in der Strophe Voluspá 65, wo vom "Starken von Oben" die Rede ist, der nach dem Ragnarokr kommen wird und ewige Satzungen anordnet, einen christlichen Einfluß sehen wollen. Dieser "Starke von Oben" könnte doch Christus sein, der den alten Glauben ablöst und das christliche Gesetz einführt. Aber bedenken wir, daß Sæmundur die Sammlung bereits in christlicher Zeit veranstaltete, und daß mithin diese christliche Satzung bereits eingeführt war, während das Kommen des "Starken" in der Voluspá in der Zukunft spielt, dann geht dies nicht zusammen. Ein anderes Argument gegen christlichen Einfluß in dieser Strophe ist ein Vergleich mit der kürzeren Voluspá (Voluspá in skamma), die den Schlußteil des Hyndluljóð bildet und gleichfalls eine entsprechende Strophe aufweist, wo sogar noch ein weiterer "Starker" kommen wird. Mithin müssen diese Strophen recht alt sein, da sie in beiden Voluspá an gleicher Stelle vorkommen. Wahrscheinlich ist in diesen Strophen die Wiederkehr von Óðinn und Þórr gemeint. Umgekehrt finden wir sogar in einem Lied, das gar nicht in den ältesten Eddahandschriften enthalten ist (und dementsprechend als "jünger" gilt), dem Grógaldr, eine Strophe die beweist, daß diese Fassung aus heidnischer Zeit stammen muß. Da warnt nämlich Gróa ihren Sohn in Str. 13 vor einem "getauften toten Weib". Das "tote Christenweib" ist hier Schreckgespenst, weil zur Zeit der Abfassung des Liedes Christen im Norden noch selten und unbekannt waren, so daß man sie als Kinderschreck bezeichnen konnte.

Weiterhin wurde versucht, in den Hávamál der älteren Edda antiken Einfluß nachzuweisen. Denn ganz ähnliche Spruchsammlungen kennen wir bereits als Disticha Catonis aus dem 3. und 4. Jh. Diese fälschlich dem älteren Cato zugeschriebenen lateinischen Lebenslehren waren das verbreitetste Schulbuch im Mittelalter und sollten durch das Auswendiglernen der Distichen den Schülern sowohl Lateinunterricht sowie moralische Unterweisung geben. Schon im ersten grammatischen Traktat (um 1150) werden die Disticha Catonis zitiert, eine eigene isländische Bearbeitung und Übersetzung aus dem 12. Jh. im Versmaß Ljóðaháttr sind die Hugsvinnsmál ("Lied des Weisen"). Man hat zwischen den Hugsvinnsmál und den Hávamál gegenseitige Entlehnungen angenommen.

Bedenken wir aber, daß die Hávamál eine Sammlung von Lebensregeln des Gottes Óðinn sind, die es ähnlich auch bei den Südgermanen gegeben haben muß, dann ist verständlich, daß veränderte Reste und Umarbeitungen dieser Lebensregeln auch noch in christlicher Zeit kursierten. Die Disticha Catonis können wir als einen derartigen Ausläufer der einstigen Götterdichtung der Südgermanen ansehen; ähnliche Dichtungen kannten auch Römer und Griechen. Mögliche Ähnlichkeiten zwischen den Hávamál und der Disticha Catonis bedeuten also nicht, daß die Hávamál von den Distichen übernommen wurden, sondern daß beide Werke auf ein und denselben Ursprung zurückgehen, einer heidnischen Lebensregelsammlung der Götter. Außerdem konnte der Skálde Eyvindr Skáldaspillir in seiner Hákonarmál (Str. 21), die auf den Tod König Hákons des Guten 961 gedichtet war, die Strophenanfänge Hávamál 76f zitieren, er setzte deren Kenntnis also voraus. Somit waren die Hávamál bereits 961 vorhanden und allgemein bekannt, eine Dichtung nach dem Vorbild der Hugsvinnsmál die ja erst aus dem 12. Jh. stammt, ist also nicht möglich. Auch zum noch älteren Beowulfepos (Verse 1381ff) haben diese beiden Hávamál-Strophen eine Ähnlichkeit.

Zur Datierung gerade der Hávamál sei auch auf das "Runenaufzählstück Óðins" hingewiesen. Der "Rúnatalsþáttr Óðins" bildet den letzten Teil der Hávamál und hier finden sich Strophen, denen man zwanglos die jüngere Runenreihe zuordnen kann. In Ausgaben seit 1883 tragen diese Strophen den in den Handschriften nicht vorhandenen Namen "Ljóðatal" (Zauberstrophen) was ihren Bezug zu den Runen verschleiert. Bei der Zuordnung geht der Þáttr von einer Reihenfolge der letzten drei Runen aus, die lautet: maðr, logr, ýr, nicht von der erst ab etwa 1200 bezeugten Reihenfolge: logr, maðr, ýr, die man hier erwarten müßte, wäre die Edda erst so spät entstanden.

Nahezu wörtliche Textparallelen zu einer Zeile in Voluspá 3 finden sich sowohl im Wessobrunner Gebet (um 814), als auch auf dem schwedischen Runenstein von Skarpåker (11. Jh.), einer altenglischen Zauberformel des 8. Jhs. und in den baltowendischen Hymnen (Koljadken), die allerdings erst gegen Ende des 19. Jh. aufgezeichnet wurden. Diese Parallelen beweisen, daß diese Texte in ganz Germanien verbreitet gewesen waren:

Voluspá: Jorð fannz æva né upphiminn.
Wessobrunn: Dat ero ni uuas noh ufhimil.
Skarpåker: Iarþ sal rifna uk ubhimin.
Zauberformel: eorðan ic bidde and upheofon.
Koljadka: Als im Anfang die Welt nicht war,
nicht war dann auch der Himmel,
noch die Erden.

Diese Formel findet sich übrigens auch im altsächsischen Heliand (Vers 2886) (9. Jh.), in den angelsächsischen Epen Andreas (Vers 799) und Crist (Vers 968) sowie in einer Runeninschrift von Ribe, Nordjütland (spätes 13. Jh.).

Wie alt diese Formulierung tatsächlich ist, beweist ein Vergleich mit dem altindischen Rigveda.(ca. 2000 v. u. Zt.). Dort findet sich eine Parallele im 129. Gesang des X. Liederzyklus:

>Nicht war Nichtsein noch Sein am Anfang, nicht war der Luftraum, noch der Himmel darüber<.

Eine Entlehnung aus der Voluspá findet sich auch in der Þorfinnsdrápa des Arnórr Járlaskáld um 1065, und beweist, daß dieses Lied schon vor Sæmundurs Aufzeichnung bekannt und verbreitet war.

Schließlich finden sich weitere Indizien für eine Datierung. Wäre die Edda erst um 1270 auf Island entstanden, dann wäre es sehr merkwürdig, daß in den Liedern Island selbst gar nicht vorkommt. Wir finden solche Volksstämme wie die Goten (wahrscheinlich die Festlandsgoten) z. B. in den Liedern: Vsp. 31; Grm. 2; Ghv. 2, 8, 16; Hm. 3, 12, 31; Grp. 35; Br. 11; Gðr. II 16; Aqv. 21; Hlr. 8; die Burgunder erwähnt Aqv. 21, die Hunnen werden genannt in Ghv. 6, 3; HH. II Pr. vor 1; Gðr. I 6; Od. 1, 4; Aqv. 2-4, 7, 13, 16, 18, 28, 35, 39, "deutsche Männer" nennt Br. Schlußpr., den Rhein nennen Grm. 27; Vqv. 14; Rm. 14 Pr.; Br. 5; Sg. 17; Aqv. 19, 28, die russischen Flüsse Danp, Dnepr bzw. Dwina nennen Grm. 28; Aqv. 5 und Rþ. 49.

Nun kann man natürlich argumentieren, die Edda beschränke sich auf die ursprünglich deutsche Siegfried- und Nibelungensage und muß daher Namen dieser Region enthalten. Dies erklärt aber nicht derartige Namen in Götterliedern oder das Fehlen nordischer Namen (mit Ausnahme der Niáren im Vqv. 6, einem Stamm in Schweden, heute Nerike, sowie den Finnen in Vqv. Anfangsprosa, auch Grönland wird in Aqv. nach Str. 43 erwähnt). Auch schon allein die Auswahl der Heldensagen in der älteren Edda zeigt, daß sie auf deutsche bzw. südgermanische Quellen oder Erzähler zurückgehen muß. Die Sigurðsage hat als historische Vorläufer den Untergang der Burgunden durch Attila (um 400), der geschichtliche Vorläufer des Sigurðr ist Arminius (gest. 21 u. Zt.). Im Br. Schlußprosa werden sogar "þýðverskir menn" ("deutsche Männer") als Gewährsleute genannt.

Auch die Namen der Tier- und Pflanzenarten in der älteren Edda deuten nicht auf eine Entstehung auf Island, z. B. die Esche (Vsp. 19) oder Eiche (Hrbl. 22), die auf Island gar nicht vorkommen.

Es ist bekannt, daß viele Heiden aus dem Frankenreich, besonders aus Norddeutschland, im Zuge der von Karl dem "Großen" begonnenen gewaltsamen Missionierung nach Norwegen flüchteten. Als auch in Norwegen die Ausbreitung des Königtums stattfand, übersiedelten diese Heiden nach Island. Island hat also in seiner Bevölkerung neben den norwegischen und irischen auch deutsche Wurzeln.

Wie eine christlich veränderte Dichtung damaliger Zeit aussieht, zeigt sehr gut das Sólarljóð auf. Es handelt sich um ein 82 Strophen umfassendes Gedicht im Ljóðaháttr, welches eine Belehrung eines Toten an seinen Sohn ist. Hier werden u. a. die Qualen der Sünder beschrieben und die Götter werden kritisiert, z. B. Str. 77:

Frigg, Óðins Frau, fährt auf der Erde Schiff
Zu der Wollust Wonne,
Ihre Segel senkt sie spät,
Die an harten Tauen hangen.

Oder in Strophe 80, wo Svafr (wohl Óðinn) als böse bezeichnet wird:

Welche Gewalttaten wirkten nicht
Svafr und Svafrlogi!
Blut weckten sie, Wunden sogen sie
Tödliche, bitterböse.

Obwohl sich in dem Liede, welches wohl zur Bekehrung von Heiden verfaßt wurde, auch heidnische Bestandteile finden, ist es doch eindeutig ein christliches Lied, wie z. B. Str. 75 zeigt:

Allmächtiger Vater, gleichmächtiger Sohn,
Heiliger Geist des Himmels,
Dich bitt ich, nimm die du erschaffen hast
Uns aus dem Elend alle.

Eine derartige Strophe, oder Strophen die hiermit Ähnlichkeit haben, finden sich nicht in der Edda, daher können wir davon ausgehen, daß keinerlei christlicher Einfluß vorhanden ist. Die Lieder der Edda sind so durch und durch heidnisch, daß ein einzelner christlicher Einschub überhaupt keinen Sinn hätte. Ein frommer Christ hätte derartige Lieder nur vernichten können, eine christliche Umarbeitung wäre einer Neufassung gleichgekommen. D. h. es gibt gar kein Motiv dafür, daß in diesen heidnischen Liedern eine einsame christliche Strophe eingefügt worden sein sollte. Auch die Weltverneinung des Sólarljóð findet sich nicht einmal ansatzweise in der Edda. Forscher datieren das Sólarlióð auf die Zeit um 1200, also nach ihrer Meinung sogar noch 70 Jahre vor die ältere Edda. Der Unterschied der Texte ist aber so gravierend, daß von einer späteren Entstehung der Edda nicht ausgegangen werden kann.

Das höhere Alter der Eddalieder im Gegensatz zu den ältesten Skáldenstrophen ergibt sich auch aus formalen Gründen: Die Skáldenstrophen weisen eine genau festgelegte Silbenanzahl auf und haben Strophen je nach Versmaß mit 6 oder 8 Zeilen. Die Eddastrophen haben freie Silbenanzahlen, die von Zeile zu Zeile wechseln können, außerdem ist der meist vierzeilige Strophenbau nie konsequent vorhanden, d. h. es wechseln sich kürzere Strophen oder längere mit den am häufigsten vorkommenden Vierzeilern. Wären die Eddalieder von Skálden gedichtet, dann müßten wir auch die skáldischen Versmaße vorfinden, außerdem wären die jeweiligen Skálden namentlich bekannt, da sie ihre Strophen oder Gedichte nicht anonym überliefert haben. Man war auf seine eigene Dichtkunst stolz und setzte seinen Namen unter die Strophen, selbst wenn es mythologische Gedichte waren wie z. B. die Þórsdrápa des Skálden Eilífr Goðrúnarson (Ende des 10. Jhs.).

Zuletzt sei darauf hingewiesen, daß sich viele der in der Edda enthaltenen Göttermythen auch schon in altindischen Quellen in ähnlicher Weise finden; selbst zwischen Namen germanischer und altindischer Gottheiten bestehen etymologische Verwandtschaften (etwa Óðinn-Wodan und Vata [Rudra], Þórr-Donar und Taranis [Indra], Týr-Tius und Dyaush oder Frigg-Fria und Prithivi usw.).

So findet sich z. B. auch der Mythos des Skm., wo Freyr voll Sehnsucht auf eine Vereinigung mit Gerðr wartet und Seinen Diener Skírnir als Werber aussendet, bereits in celtischen Quellen. Hier ist es Oengus (= Ingwaz, Freyr), der sich nach einer Schönen aus der Andernwelt sehnt. Derartige Beispiele lassen sich für fast alle Eddalieder bringen.

Der Forscher Norbert Oettinger verglich z. B. die eddische Hymisqviða mit verschiedenen Rigvedahymnen (Rg. IV, 18; IV, 27, III, 48; VIII, 7; I, 51) und stellte die Verwandtschaft der Mythen eindeutig fest (Isländische Edda und indische Veden - Ein mythologischer Vergleich, in: Große Werke der Literatur. Eine Ringvorlesung an der Universität Augsburg, Augsburg 1990, S. 9-20).

Schon 1893 veröffentlichte Prof. Fredrik Sander seine Arbeit "Rigveda und Edda - Eine vergleichende Untersuchung der alten arischen und der germanischen oder nordischen Mythen" (Stockholm 1893), und 1922 brachte Otto Sigfrid Reuter sein zweibändiges Werk "Das Rätsel der Edda und der arische Urglaube" (Sontra 1922) heraus.


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