Germanische Glaubens-Gemeinschaft - GGG
Das Alt-Heidentum - Asatru


Als in Berlin 1982/83 eine kleine Gruppe von Heiden zusammengekommen war, hatte von diesen jeder Einzelne eigene Vorstellungen darüber, wie die heidnische Religion aussehen sollte und praktiziert werden müsse. Das lag auch an der Herkunft einiger der Heiden aus verschiedenen schon bestehenden Gruppen (z. B. aus mehr brauchtümlich ausgerichteten, oder eher "ariosophischen"). Uns war klar, daß bei dieser Ausgangslage niemals ein halbwegs einheitliches Heidentum erstehen könnte und daß Dauerflügelkämpfe vorprogrammiert waren.

Aus diesem Grunde haben wir uns auf das Gemeinsame konzentriert: Alle hatten ja den Bezug zu den Germanen, wollten die Religion der Germanen pflegen, die einen in "zeitlich erneuerter" Form, die andern in "occult-esoterischer" Lesart. Geza von Nemenyi hatte daher den Vorschlag gemacht, daß wir genau das versuchen zu praktizieren, was auch unsere Vorfahren taten, damit dürfte keine der beiden Richtungen Schwierigkeiten haben. Und um das nun herauszubekommen, wollten wir uns auf die wissenschaftlichen Ausarbeitungen genauso stützen, wie auch die glaubwürdigen heidnischen Forschungen (z. B. Otto Sigfrid Reuter), aber grundsätzlich haben wir den Primärquellen den absoluten Vorrang eingeräumt, da uns ja klar war, daß (meist christliche) Wissenschaftler in einer christlichen und germanenfeindlichen Gesellschaft niemals objektiv sein könnten.

Wir haben daher alles, was wir z. B. im Kult machten, an Hand der Quellen belegt. Als wir das erste Mal mit einheimischen Baumharzen räucherte, kam von einem Teilnehmer der Einwurf, "das ist ja wie in der Kirche". Wir haben ihm also nach diesem Fest genau die Belege gezeigt, wo eindeutig Räucherungen auch bei unsern Vorfahren überliefert sind. Damit war die Kritik abgewendet.

Unser Weg des "überlieferten und durch Forschungen erschlossenen" germanischen Heidentums war erfolgreich, wir waren die ersten in Deutschland (und wohl auch weltweit), die diesen Weg gingen, andere versuchten, meist weniger erfolgreich, auf diesen Zug aufzuspringen. Denn dieser Weg setzt ja eine gute Quellenkenntnis voraus, die die anderen nicht hatten.

Hätten wir "Erneuerungen" des Heidentums zugelassen, wäre dieser Weg nicht mehr möglich gewesen, denn jeder hätte - je nach seinem eigenen Wissensstand und seiner eigenen geistigen Ausrichtung - an anderen Stellen Veränderungen verlangt. Die Occultheiden etwa wollten gern über den Göttern noch ein männliches und weibliches "Urgoth" haben, die eher brauchtümlich ausgerichteten Heiden wollten keine Götterkulte. Das hätte man nie unter einen Hut bringen können.

Das Hauptproblem aber ist, daß keiner, der nicht die Quellen genau kennt, überhaupt sagen kann, was "Heidentum" denn eigentlich ist. Ohne die Primärquellen bleiben nur vage Vorstellungen, Wunschträume oder zeitgeistbedingte Deutungen übrig. Man stößt oft auf Menschen, die geglaubt haben, daß die Germanen kein unterwürfiges Verhältnis zu ihren Göttern gehabt hätten, daß man sich nicht niederkniete oder um Beistand bat/flehte oder daß man gar nicht opfern müsse (mit Bezug auf die falschübersetzte Strophe Hávamál 145), daß es keine Priester gäbe bzw. man sie nicht bräuchte, daß es keine Dogmen gäbe und überhaupt keine religiösen Verpflichtungen bestünden. Das war Gründerzeit/Wagner/Nietzsche-Heidentum, wo man sich von "Rom" befreien wollte und nichts mehr einführen wollte, was auch nur entfernt irgendwie an Kirche und Christentum erinnern könnte. Auch in der GGG gab es diese Richtung, und als in den 30er Jahren ein Tempel gebaut werden sollte (Grundstück war bereits vorhanden, der Entwurf auch), gab es Widerstand aus diesen Kreisen und das Projekt wurde verhindert.

Durch unser langjähriges Quellenstudium wissen wir heute recht genau, wie die Religion der Germanen früher tatsächlich aussah. Zwar sind nicht alle Einzelheiten erhalten und überliefert, und zuweilen stoßen wir auch noch auf Quellen, die wir bislang nicht kannten, aber im Ganzen ist schon ein klares Bild zu erkennen. Man kann das mit einem Mosaik vergleichen, bei dem nicht alle Steinchen erhalten sind. Trotzdem erkennt man noch das Gesamtbild und auch bestimmte Einzelheiten dort, wo mehr Steinchen erhalten sind. Zuweilen setzt man auch mal ein Steinchen dazu als Rekonstruktion, wenn es in das Gesamtbild paßt. Derartige Ergänzungen kann man aber nur machen, wenn man das Gesamtbild (resultierend aus den vorhandenen Steinchen/Quellen) kennt, wenn man die Quellen nicht kennt, hat man kein Gesamtbild; das Bild, das man dann eventuell im Kopf hat, ist ein fiktives Wunschbild, reine Fantasy.

Wir werben hier und andernorts für dieses auf die Quellen gestützte Gesamtbild, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, dann immer in der Auseinandersetzung mit fiktiven Wunschbildern. Deswegen machen wir die Primärquellen bekannt, um die Wunschbilder zurechtzurücken. Wenn man dann aber sagt, die Quellen interessieren uns nicht, und stur bei seinem Wunschbild bleibt, dann war unser Wirken vergebens. Dann geht es nur noch, indem man die verschiedenen Formen des Heidentums (also das moderne Fantasy-Heidentum und das überlieferte Alt-Heidentum) nebeneinander akzeptiert, aber eine Einigung oder Vereinheitlichung wird man so nicht erreichen, und als Religion wird man auch nicht anerkannt werden können. Jeder Einzelne muß für sich entscheiden, was er will, und sich entsprechend äußern.

Wir haben keine Schwierigkeiten damit, ein Neu-Heidentum zu akzeptieren, nur wenn von dieser Warte aus in unser Alt-Heidentum hineinargumentiert wird (nach dem Motto: "Die Germanen waren ganz anders, als ihr Alt-Heiden es glaubt"), dann müssen wir schon zur inhaltlichen Verteidigung unseres Weges sagen: "Nein, so waren sie nicht, seht euch die Quellen an". Das ist auch nicht böse gemeint gegen denjenigen, dem wir es sagen, sondern ist ein Schritt zur Wahrung des traditionellen (also überlieferten) germanischen Heidentums.

Wir beziehen in unsere Vertretungsstrukturen auch nur diejenigen Heiden mit ein, die den gleichen Weg des "Alt-Heidentums" gehen. Der Allsherjargode als höchster heidnischer Priester ist daher auch nur Repräsentant dieses "Alt-Heidentums" und spricht nicht für Neuheiden. Das moderne Neuheidentum ist zwar eine ähnliche, aber doch von unserm Alt-Heidentum unterschiedliche Religion. Mit dieser Religion haben wir nichts zu tun, sie unterscheidet sich in wesentlchen Punkten von unserm Alt-Heidentum:

1. Die Eddas werden nicht als Sammlungen heiliger Mythen angesehen, sondern als bloße literarische Texte des Mittelalters, die christlich beeinflußt sind. Folglich haben z. B. auch die darin überlieferten göttlichen Lebensregeln keine besondere Bedeutung. Die ethischen Werte werden daher ganz anders gesehen und z. B. Begriffe wie "Gut" und "Böse" als christlich und nicht heidnisch abgetan.

2. Ein spirituelles heidnisches Priestertum wird abgelehnt, die Erkenntnisse über das Heidentum werden deswegen allein aus den Werken der Forscher (Skandinavisten, Archäologen) oder aus eigenen subjektiven Vorstellungen genommen.

3. Statt der Verwendung von rekonstruierten alten Ritualen werden moderne Neukreationen verwendet. Es werden meist nur vier Feste zu den christlichen Terminen gefeiert, wobei diese auch in geschlossenen Räumen oder an Orten, die keine Heiligtümer sind, begangen werden. Opfer an die Götter finden nicht statt.

4. An die Götter als reale Wesenheiten wird nur in den seltensten Fällen tatsächlich geglaubt. Zuweilen wird ein sächlicher "Urgoth" über den Göttern und Göttinnen angenommen. Entsprechend respektlos wird über die Götter geredet oder geschrieben. Ohne Skrupel legen sich Neuheiden z. B. Götternamen als Nicknamen in neuheidnischen Weltnetzforen zu.

5. Tiefergehende spirituelle und esoterische Lehren (einschließlich der germanischen Tierkreisvorstellungen, Wiedergeburt und Örlög-Karma) werden abgelehnt. Die Runen werden oft gemäß der Ausarbeitungen des vorigen Jahrhunderts gedeutet, nicht nach den Überlieferungen unserer Vorfahren, es wird die These vertreten, sie seien von einem südlichen Alphabet entlehnt; die eindeutige Überlieferung, daß die Runen von den Göttern stammten, wird nicht geglaubt.

6. Die jeweiligen Vereine und Gruppen haben einen hohen Stellenwert. Thinge sind lediglich Mitgliederversammlungen und Vereinstreffen. Wir hingegen begreifen das Heidentum als vereinsunabhängig und organisieren es auf die alten Thingplätze unserer Vorfahren. Vereine sind für uns lediglich Interessengruppen, nicht Selbstzweck.

Wir erforschen und gehen den uns von unseren Vorfahren überlieferten Weg, weil wir glauben, daß sie uns in spiritueller Hinsicht weit überlegen waren, daß viele von ihnen noch Götter und Geister wahrnehmen konnten, was heute nur noch für sehr wenige Menschen gilt. Daher sind ihre Überlieferungen keine Spekulationen über Sinn und Beschaffenheit der Welt, sondern lebendige und überprüfte Offenbarungen, auf die wir uns sicher verlassen können. Es ist der bewährte Weg, der ganz sicher zum Ziele führt, während es bei neuen Wegen nicht klar ist, wohin sie wirklich führen.


Nachahmer und Trittbrettfahrer

Seit einiger Zeit wirbt der deutsche Ableger der rechtsextremen britischen Neopagangruppe "Odinic Rite" mit dem Untertitel: >Traditionelles germanisches Heidentum in heutiger Zeit<. Die Vorstellungen und Rituale dieser Gruppe allerdings, so wie sie in deren Ritualbuch veröffentlicht wurden, sind sämtlich Neuschöpfungen, nur bei einem kleinen Teil (etwa 1/5) werden auch überlieferte Texte, meist aus der Edda, verwendet. Deswegen kann man hier eindeutig nicht von "traditionellem", also "überlieferten" Heidentum sprechen. Neben den Göttern spricht diese Gruppe auch von einem diffusen "Göttlichen", z. B. in ihrer Werbebroschüre:

»In der Vielfalt und Verschiedenheit der Natur zeigt sich das Göttliche als eine Vielzahl verschiedener Gottheiten«.

Der erst vor einiger Zeit gegründete Verein "Kulturgeister" wirbt mit dem Untertitel >Dachverband für traditionelle Naturreligion<. Dieser Verein ist aber weder ein Dachverband, noch vertritt er "traditionelle" Naturreligion. Das wird bereits in seiner Präambel deutlich, in der von einem Monotheismus (Eingottglaube) ausgegangen wird, der den traditionellen Naturreligionen fremd ist:

»Das Göttliche, die alles erschaffenden Kräfte, spiegelt sich in jedem Stern, in jedem Stein, in jeder Pflanze, jedem Tier und jedem Menschen wieder«.

Der Leiter dieses Vereins, Volkert Volkmann, trat früher im Umfeld des Armanen-Ordens auf und gehört dem rechtsextremen britischen Odinic Rite als Mitglied an. Umgekehrt gehörte der deutsche Ableger des Odinic Rite dem Verein "Kulturgeister" an. In einem Brief vom 15. 4. 1991 schrieb Volkmann:

>Erstens bin ich zwar Freund des Armanischen, aber ich habe mit den Armanen nicht viel zu tun. Genauer gesagt, ich war dreimal dort ... Möglicherweise ist durch die Artikelserie in der Irminsul der falsche Eindruck entstanden, ich wäre aktives Mitglied. Ich habe vor zwei Jahren mal Leitbriefe per Post erhalten ... Die Adresse der Armanen bekam ich übrigens vom Odinic Rite England bei dem ich Mitglied bin<.

Anmerkung: Die Leitbriefe des Armanen-Ordens werden nur zahlenden Mitgliedern zugesandt, und in diesem Brief behauptet Volkmann nicht, grundsätzlich kein Mitglied der Armanen, sondern nur, kein "aktives" Mitglied gewesen zu sein. Jedenfalls schrieb er in der Armanen-Zeitung Irminsul unter der Bezeichnung "Herr Volkert, AO" (AO = Armanen-Orden), und auch die ariosophischen Deutungen der Armanen hat er übernommen, etwa wenn er "Yggdrasil" als >Ich trage Heil< oder "Arkuna" als >Ar = Licht, Kuna = Kunst/Wissen< deutet.

Nach der Lehre der Armanen aber gibt es ein "Göttliches" und alle Götter sind nur Ausformungen dieses "Göttlichen":

»Wie das weiße Sonnenlicht in seine Spektralfarben zerlegbar ist, so hat sich das "UR", das "GOTH", jene unfaßbare Allintelligenz, die das Weltall aus sich selbst hervorgebracht hat (denn alle Materie ist verdichteter Geist!), in die "GÖTTER" geteilt, die eine Untergliederung des Allgeists darstellen«.

Genau diese nichttraditionellen Vorstellungen der Armanen wurden bei "Kulturgeister" übernommen, so daß auch hier die Behauptung, ein Verein für "traditionelle" Naturreligion zu sein, nicht zutrifft.


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