Ausgewählte Artikel aus dem "Germanen-Glaube"
Von Allsherjargode Géza von Neményi
Steht der Name der Stadt Belzig in einem Zusammenhang mit dem Gott Bel bzw. Baldur? Der Name der Stadt wird in den erhaltenen Urkunden wie folgt geschrieben:
997 Belizi (der aus Italien stammende Notar hat sich hier vermutlich verschrieben und ein „t“ ausgelassen, dazu eine lateinische Endung angehängt: Beltiz),
1161 Beltiz,
1186 Beltitz (diese Form hielt sich bis ins 16. Jh.),
1219 Beltiz, Beltz,
1313 Beltyz,
1377 Beltz,
1487, 1591 Beltzigk (die Endung wie in andern Ortsnamen, z. B. „Niemegk“),
1624 Belzigk,
Heute: Belzig (die Endung –ig ist eine Kanzleiform, gebildet analog zu sächsischen Städtenamen, z. B. Leipzig, Coswig, Zörbig),
Mundartlich: Bells.
Reinhard Fischer verfaßte 1972 ein Buch mit dem Titel „Die Ortsnamen des Kreises Belzig“ (Teil 2, Weimar 1972), in welchem er den Städtenamen auf einen angeblich slawischen Personennamen „Bel“ zurückführt und Belzig als „die Leute des Bel“ deutet. Auch ein Name „Biota“ wird angeführt und vermutet, daß dieser zu einem „urslawischen“ Wort „*Bi“ mit der Bedeutung „hell weiß, schimmernd, glänzend“ gehöre.
In dem Buch „Rund um Belzig“ (Belzig o. J.) deutet Fischer den Namen nun als „Ort, wo Leute eines Belota wohnen“. Er schreibt:
>Der Personenname, der zu dem Wort *bel- mit der Bedeutung „weiß, hell, schimmernd, glänzend“ gehört, ist auch im Altpolnischen und Alttschechischen belegt ... Es gibt Vergleichsnamen in slawischen Sprachen, im Polnischen lauten entsprechende Namen heute Bialocice<.
Diese Deutung ist nur teilweise richtig, ein urslawisches Wort „Bi“ oder die Namen „Belota“ und „Biota“ sind reine Spekulationen. Setzte man den Namen „Belota“ voraus, dann hätte Belzig „Belotzig“ heißen müssen.
Was bedeutet der Name der Stadt nun wirklich? Zunächst muß man feststellen, daß die erhaltenen. Namensformen sehr ähnlich, teilweise fast identisch sind, das b-l-t bleibt immer erhalten. Diese gleichbleibende Namensform läßt vermuten, daß es sich um eine recht alte, bekannte Namensform handelt, die also vor das 10. Jh. zurückreicht. Und dann muß einmal die älteste Urkunde von 997 im Wortlaut genauer untersucht werden (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Urkunde vom 8. 6. 997 mit der ersten Erwähnung des Namens Belzig.
Es heißt darin:
>... incomitatu Teti comitis situm nominatim vero burgwardium vulgo Belizi<.
Das wurde üblicherweise übersetzt:
>Das Burgwardium, in der Grafschaft des Grafen Teti gelegen, heißt jedoch gemeinhin Belizi.<
Genau übersetzt aber lautet der Text:
>der in der Grafschaft des Grafen Teti gelegene Platz heißt richtig (vero) “burgwardium”, gemeinhin im Volksmund (vulgo) “Belizi”<.

Abb. 2: Ausschnitt aus der Urkunde von 997.
„Burgwardium“ ist kein Eigenname, sondern die Bezeichnung für einen befestigten Ort und wird daher in der Urkunde kleingeschrieben. „Belizi“ hingegen wird wie ein Eigenname großgeschrieben. Das ist nämlich der eigentliche alte Name, der offenbar zum Ärger der christlichen Schreiber der Urkunde nicht weggelassen werden konnte. In der Urkunde ist also der Versuch, den heidnischen Namen Beltizi durch das neutrale „burgwardium“ zu ersetzen, erkennbar.

Abb. 3: Ansicht von Belzig aus dem Jahre 1743.
Wir können also schon deswegen davon ausgehen, daß der Name „Bel(t)iz“ heidnischen Ursprungs sein muß. In der älteren Literatur (J. Chr. Eilers, Chronicon Belizense, Wittenberg 1743; Dr. Joh. Carl Brandt, Geschichte der Kreisstadt Belzig, Jüterbog 1837; Paul Quade, Bilder aus Belzigs Vergangenheit und Gegenwart, 1. Aufl., Belzig 1903, 2. Aufl., Belzig 1921) wird als Namensgeber der wendische Gott Bel (Bel-Bog = Gott Bel) genannt. Es heißt, der Name der Stadt bedeute wie „Belgard“ oder „Belgrad“ die „weiße Stadt“ und hinge mit
dem Namen des wendischen Lichtgottes Bel-Bog zusammen.
Paul Quade erwähnt in seiner Chronik die Burg des Grafen Dedo, die im Jahr 1030 bei einem Überfall von den Polen zerstört, später aber erneuert und ausgebaut wurde. Für das Jahr 1260 vermerkt der Verfasser den Namen „Herzoglich-Sächsisches Grentzhaus von Beltitz“ oder „das weiße Schloß“, im 15. Jh. taucht dann der Name „Schloß Eisenhardt“ auf.
In der Chronik von Eilers (1743) werden die beiden wendischen Götter Belbuck (= Bel-Bog) und Czernebuck (= Czerne-Bog) in ihrem Gegensatz genannt. Bel wird dabei von dem wendischen „biely“ („weiß“) abgeleitet. Es heißt in der Chronik, die Orte auf Bel >hätten der Ausübung der Abgötterei gedient<. Damit ist auch Belzig gemeint. In der Chronik wird dann versucht, Bel nicht als Gott, sondern als vergötterten Menschen der Vorzeit Darzustellen. Bel soll auf einen assyrischen König Belus zurückgehen, der schon zu Lebzeiten wie ein Gott verehrt wurde. Nach seinem Tode (im Jahre 1850 nach der Erschaffung der Welt, also etwa 3349 v. u. Zt.) errichtete ihm sein Sohn Ninus eine Gedenksäule. Das ist die altbekannte euhemeristische (vermenschlichende) Darstellungsweise, mit der man versuchte, allzuheidnische Dinge etwas abzuschwächen.
Belzig ist also die „Stadt des Bel“ und es stellt sich die Frage, was für ein Gott Bel denn ist und ob es ihn überhaupt gibt. Wenn es einen Gott Bel gibt, dann muß Fischers Namensdeutung von „Bel“ als Personenname falsch sein, denn Menschen trugen nie Namen von Gottheiten (mit Ausnahme einiger Könige).
Über den wendischen Gott Bel oder Bel-Bog („Gott Bel“) schreibt Prof. Zdenek Vána (Mythologie und Götterwelt der slawischen Völker, Stuttgart 1992, S. 96 u. 98):
>Viel diskutiert wird die Angabe Helmolds, die Slawen würden bei Gastmahlen dem guten und auch den bösen Gott zutrinken, den sie Cernoboh (Zcerneboch) nennen. Der Name des guten Gottes wird zwar nicht angeführt, doch eine logische Ergänzung zu Cernoboh (der schwarze Gott) wäre Belboh (der weiße Gott), der in Ortsnamen, aber nirgendwo als Name einer Gottheit belegt ist ... Sehr oft erscheinen in der Literatur die Namen der Hügel Cernobóh und Belobóh in der Nähe von Bautzen als Beweise für den schon besprochenen dualistischen Kult. Die eingehendere Forschung hat jedoch gezeigt, daß beide Benennungen neueren Datums sind und mit dem Zcerneboch Helmolds und seinem vermutlichen Gegenpol Belboh nichts gemein haben.<
Die erwähnte Stelle bei Helmold (Wendenchronik I, 52) aus dem 12. Jh. lautet:
>Die Sklaven haben aber einen sonderbaren abergläubischen Gebrauch; bei ihren Schmäusen und Zechgelagen lassen sie nämlich eine Schale herumgehen, auf welche sie im Namen der Götter, nämlich des guten und des bösen, Worte, nicht der Weihe, sondern vielmehr der Entweihung ausschütten. Sie glauben nämlich, alles Glück werde von einem guten, alles Unglück aber von einem bösen Gotte gelenkt. Daher nennen sie auch den bösen Gott in ihrer Sprache Diabol oder Zcerneboch, d. h. den schwarzen Gott.<
Der Name eines wendschen Gottes Bel-Bog beruht also allein auf Ortsnamen und einer Deutung dieser Stelle in Helmolds Wendenchronik. Helmolds „Diabol oder Czernebog“ ist allerdings lediglich eine Bezeichnung für den christlichen Teufel, denn Diabol ist nicht in „ihrer Sprache“, sondern griechisch und bedeutet „durcheinanderwerfen“, daher unser deutsches „Teufel“, Czernebog ist lateinisch-wendisch und bedeutet „Horngott“ (heute noch im Russischen: Schwarz), also auch wieder nur der Teufel, dessen Namen man sich ja nicht getraute, zu nennen.
Jedenfalls hatte man in früheren Jahrhunderten aus Ortsnamen, Sagen und dieser Helmoldstelle einen Gott Bel oder Bel-Bog konstruiert. Über ihn schreibt Vulpius (1826) in seiner Mythologie:
>Belbog, Bolbog, Bialbuck, ein Götze der Wenden, glänzend verehrt in Julin. Die Wenden hatten besonders einen guten und einen bösen Gott. Bialbuck, das ist den guten Gott, den sie anbeteten und von welchem sie glaubten, daß alles Gute komme, verehrten sie besonders. Er wurde zu Julin abgebildet, wie in Juterbog als ein Mann, weiß gekleidet, gekrönt mit einem Lorbeerzweige, in der rechten Hand einen Palmzweig haltend.<
Dr. Vollmer (1874) gibt in seiner Mythologie noch die Ergänzung:
>Ihm wurden überall Opfer gebracht, damit er vor den bösen Einflüssen des Tschernebog schütze. Bei den Russen hieß er Bielbog und hatte seinen Tempel in Kiew, wo er auch als Donnergott galt.<
Schon allein diese Vermengung mit dem Donnergott Perun, aber auch die Attribute von Lorbeer- und Palmzweigen, die hier bei uns gar nicht heimisch sind, belegen schon, was wir von derartigen Schilderungen halten müssen.
Ich gehe davon aus, daß Bel eine andere Namensform für den germanischen Gott Balder (Baldur) ist und daß die Stadt Belzig nach dem Gott Balder benannt ist. Das „a“ im Namen Balder kann sich nämlich zum „e“ wandeln. Einen solchen a-e-Wandel finden wir z. B. auch im Namen des Göttervaters: Aus dem alten Namen „Wodan“ wurde im Englischen „Voden“ und in Schweden „Oden“. Für den Namen Balders gibt eine Sage aus dem Städtchen Baldenburg in Hinterpommern einen Beleg. Dieses Städtchen ist offenbar auch nach Balder benannt. In der Sage jedenfalls haben sich Teile der Baldermythe erhalten. Es heißt:
>Eine Prinzessin hat viele Freier. Sie will aber nur den Mann heiraten, der sie im Ballspiel besiegt. Es gelingt schließlich einem jungen Ritter, mit dem sie sich auch verlobt. Ihr zuliebe baut er eine kleine Stadt, die er „Ballburg“ benennt, woraus später Baldenburg wurde. Der Vater der Prinzessin aber, aufgehetzt von heidnischen Priestern, ersticht den Ritter. Die Prinzessin verflucht den Vater und das Schloß und gibt sich selbst den Tod. Das Schloß versinkt, und über ihm schlagen die Wasser zusammen. Es bildet sich ein tiefer See. Auf seinem Grunde liegt der junge Ritter, die Prinzessin sitzt neben ihm und hütet seinen Schlaf. Alljährlich aber in der Johannisnacht steigt sie empor und wandelt im weißen Gewande rings um die Wälle der Stadt und wartet auf Erlösung.<
Der Ball, mit dem hier gespielt wird, ist die Sonne; ähnlich kommt der Ball auch in einer dänischen Ballade vom jungen Svejdal vor. Die Ermordung des Ritters entspricht der Ermordung Balders durch Höder, das Versinken im See erinnert an Balders Schiffsbestattung und der Freitod der Prinzessin entspricht dem Tod von Balders Gemahlin Nanna im Mythos.
Aber für uns wichtig ist die Tatsache, daß die Stadt in der Sage Baldenburg heißt, der See aber, in den der Ritter versunken ist, heißt nicht etwa Baldensee, sondern Belzigsee oder auch Bölzigsee. Hier finden wir also beide Namensformen gleichbedeutend. Und der Gott Balder wird im Beowulfepos „Herebeald“ genannt, also unter Verwendung von „e“ und „a“. In den Formáli der jüngeren Edda (im 13. Jh. auf Island aufgeschrieben) heißt es:
>Der zweite Sohn Óðins hieß Beldeg, den wir Baldr nennen, er besaß das Land, daß jetzt Westphalen heißt<.
In altenglischen Chroniken finden wir „Bældæg Wodning“ oder „Bældæg Wodening“ als mythischen Namen, der in der Chronik des Aethelweard „Balder“ genannt wird. Bældæg/Beldeg ist Zusammenfügung von Baldur und Dag (der Tag), „Wodning“ bedeutet „Wodans Sohn“.
Balder ist Licht- und Tagesgott, deswegen ist er im Mythos Gegenspieler zum Dunkel- und Nachtgott Höður, welcher Balder tötet (siehe Abbildung aus der Eddahandschrift von Ólafur Brynjólfsson von 1760, Reykjavík) Dieser eddische Mythos des Tag-Nacht.-Wechsels war einstmals auch bei uns bekannt, wie sich aus einer nordschleswiger Sage, die im 17. Jh. aufgezeichnet wurde (Müllenhoff, Sagen aus Schleswig-Holstein und Lauenburg, S. 373), ergibt:

Abb. 4: Höðr verleitet durch Loki tötet Baldr Eddahandschrift von 1760.
>Bei Boldersleben sieht man auf einer Anhöhe noch die Spuren eines Schlosses. Da hat früher ein König Bolder gesessen und dem Ort den Namen gegeben. Er geriet mit einem König Hother in Streit und erschlug ihn. Bolder liegt in Boldershöi begraben; vor mehreren Jahren pflügte man Knochen aus, die von ihm herrührten<.
Boldersleben liegt im Kreis Apenrade. In einer Sagenvariante ist es auch Hother, der Bolder tötet.
Was bedeutet nun der Name des Gottes Balder, der schon im 2. Merseburger Zauberspruch vorkommt? Die ältesten Erklärungen (E. Schröder, Mogk, v. d. Leyen, Löwenthal) stellen den Namen zur indogermanischen Wurzel *bhel- „weiß“ (littauisch Baltas) und sehen in dem Namen ein Wort, das „Licht“ bedeutet. Damit entspricht die Namensübersetzung ganz genau dem angeblich slawischen Wort „bel“, die R. Fischer angeführt hatte. Die Übersetzung als germanisches Appellativum „baldr“ „Herr“, altenglisch „bealdor“ „Herr, Fürst“ wurde auch angenommen; der Name des Gottes konnte sich in diese Richtung wandeln, da er ja als „Herr“ angebetet wurde.
Die Deutung auf ein Wort, das „Licht“ bedeutet, paßt sehr gut zu der Beschreibung des Gottes, die und Óðinn (Hárr) selbst in der jüngeren Edda
gibt. Es heißt in der Gylfaginning Kap.22:
>Hárr sprach: Óðins anderer Sohn ist Baldr. Von ihm ist Gutes zu sagen: er ist der beste und wird von allen gelobt. Er ist so schön von Antlitz und so glänzend, daß ein Schein von ihm ausgeht. Eine Pflanze ist so licht, daß sie mit Baldrs Augenbrauen verglichen wird, sie ist die lichteste aller Pflanzen: davon magst du auf die Schönheit seines Haars sowohl als seines Leibes schließen. Er ist der weiseste, beredteste und mildeste von allen Asen. Aber er hat die Eigenschaft, daß keines seiner Urtheile bestehen kann. Er bewohnt im Himmel die Stätte, welche Breidablikk heißt. Da wird nichts unreines geduldet...<
Hier wird also Baldr als licht, strahlend, glänzend beschrieben, was zu einem Gott des Tages und des Sonnenlichtes gut paßt. Die erwähnte Pflanze, Baldrsbrá, ist eine Kamillenart, die Hundskamille oder weißstrahlige Kamille (chrysanthemum leucanthemum). Ihre Blüte mit weißen Blütenblättern und gelben Staubgefäßen gleicht einer strahlenden Sonne.
Die Namensform Balder, Baldr ist die ältere. Sie entwickelt sich in Niederdeutschland zu Belder, Beld oder Bel, in England zu Bæld. In der im Norden gebräuchlichen Runenreihe von 16 Zeichen wurde das „a“ mit der gleichen Rune, wie das „e“ bezeichnet, man konnte beide Laute in der Schrift also nicht unterscheiden. Da Süd- und Westdeutschland früher christianisiert wurden, als Mittel- und Ostdeutschland, hat sich die Wandlung von Balder zu Beld dort nicht mehr vollziehen können, während in Mitteldeutschland das Heidentum noch herrschte und daher die Götternamen noch im Gebrauch waren und damit auch der sprachlichen Entwicklung unterlagen. Aus Balder wurde also Beld und Bel, aus Balders Stadt wurde Beltiz, Belzig. Spätere Chronisten haben dann die Namensform Bel nicht mehr auf den germanischen Gott Balder bezogen, sondern als eigenen wendischen Gott gedeutet. Aber in Wirklichkeit ist Bel nur die jüngere Schreibweise des Namens Balder. In den Darstellungen Bels finden wir daher die bekannten Züge des Gottes Balder wieder.
Wir können also davon ausgehen, daß Belzig in heidnischer Zeit eine bedeutende Kultstätte des Gottes Balder war. Nun stellt sich die Frage, wo das Heiligtum zu suchen ist. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der bronzezeitliche Burgwall, wo heute die Burg Eisenhardt steht einst das Heiligtum schützte.

Abb. 6: Karte mit der Lage des bronzezeitlichen/früheisenzeitlichen Walles auf dem Bricciusberg.

Abb. 7: Die Befestigungen auf dem Burgberg in der wendischen Zeit (9./10. Jh.), der Wall auf dem Bricciusberg war auch noch vorhanden.
Es gibt verschiedene Ansichten darüber, ob der bronzezeitliche/früheisenzeitliche Burgwall beide Berge (den heutigen Bricciusberg und den heutigen Burgberg) umfaßte oder ob er nur den Bricciusberg umgab (Abb. 6).Einer der Hügel war sicher das Heiligtum, der andere vielleicht eine Schutzburg mit den Wohnhäusern der Priester und Tempel-diener. In der wendischen Zeit war dann jedenfalls der Burgberg mit einem Wall umgeben (Abb. 7), das könnte eine Einhegung des Heiligtums gewesen sein, wobei der bronzezeitliche Wall auf dem Bricciusberg noch deutlich vorhanden war und genutzt werden konnte. Vielleicht müssen auch beide Hügel als Kultstätten angesehen werden. Es befindet sich unterhalb zwischen den beiden Bergen ein Quellteich, von dem auch eine Sage existiert, nach der ein unschuldig angeklagter Ritter in voller Rüstung mit seinem Pferd über die Burgmauer sprang und sich das Genick brach. Hier ist nun der Quellteich. Diese Sage erinnert etwas an die schon erwähnte Sage von Baldenburg. Kultstätten des Gottes Balder waren meist grüne, von Bächen durchflossene fruchtbare Auen. Quellen gehörten dazu, und nach dem Mythos schlägt Balder eine Quelle aus dem Boden. Saxo Grammaticus schreibt im 13. Jh. (III):
>Um sein von Durst gequältes Heer durch einen rechtzeitigen Trunk zu erfrischen, ließ Balder tief in die Erde graben und eine neue Quelle aus dem Boden zu Tage treten. Deren hervorbrechenden Sprudel schlürfte das ganze durstige Heer mit weitgeöffnetem Munde. Die Spuren dieser Wasser, durch unvergänglichen Namen unsterblich gemacht, sollen noch jetzt nicht vollständig geschwunden sein, obwohl der frühere starke Sprudel aufgehört hat<.
Es handelt sich um die Quelle Baldersbrönd bei Roeskilde. Es gibt Sagen, wonach die Quelle durch den Tritt des Rosses erzeugt wurde; derartiges erzählt man auch von Karls des „Großen“ Roß. Auch die Griechen und Inder (Dadhyanc) kennen die Sage vom Quellroß. Vom türingischen Ort Pholesbrunno (unweit der Saale), der jetzt Pfulsborn heißt, erzählt die Sage, daß dort ein dem Götzen Phul geweihter Tempel gestanden habe, der an der noch jetzt vorhandenen Quelle seinen Sitz hatte. Auch die Ortsnamen Baldebrunno in der Eifel und Rheinpfalz, Volenbrunn (Pholenbrunn) bei Reutlingen, Phulsborn (Pfolczborn), Falsbrunn (Falsbronn), Pohlbach im Kreise Prüm, Pfahlbronn bei Lorch, Pohlbronn in der Wetterau sowie Palborn (Paderborn) deuten auf Quellheiligtümer des Gottes hin. „Phol“ ist dabei lediglich eine andere Schreibweise des Namens Balder; im Merseburger Zauberspruch kommen beide Schreibweisen nebeneinander vor.
Die im 12. Jh. einwandernden Flamen errichteten auf dem unbefestigten Hügel (im alten Burgwall) eine Kapelle für den Heiligen Briccius. Über Briccius von Esche ist wenig bekannt, er soll bereits als Kind zusammen mit seiner Mutter den Märtyrertod erlitten haben, das soll im Jahre 659 geschehen sein. Sein Heiligentag ist am 12. 11. Vermuthlich war den Flamen der einstige Bezug zum Lichtgott noch bekannt und sie knüpften mit diesem Heiligen, dessen Namen man mit Bright (Strahlend) in Verbindung bringen kann, an den heidnischen Kult an.
Baldrs Gemahlin ist die Göttin Nanna, die von Wissenschaftlern auch mit der sumerischen Göttin Inanna in Verbindung gebracht wurde und die eine Göttin der Abend- oder Morgenröte und der Sonne ist. Das ergibt sich aus dem Mythos. In einer Forn-aldar saga haben Dag und Sol eine Tocher Gull-fiödr (Goldfeder). Dag (Tag) entspricht Baldr, Sol (Sonne) hier der Nanna.
An Stelle der Sonnengöttin wurde später oft die heilige Katharina gesetzt, deren Name mit „die Reine“ von den Römern übersetzt wurde. „Liebe Kathreine, laß die Sonne scheinen“ ist ein bekannter Spruch, und ein Attribut Katharinas ist das Rad (= Sonne). Nun wird klar, warum die Burgkapelle innerhalb der Burg Eisenhardt, deren Grundmauern freigelegt wurden, gerade eine Katharinenkapelle gewesen ist.
Abb. 8: Burg Eisenhardt, 1848.
Es sei auch angemerkt, daß der Name der Burg, Eisenhardt, auf die Disen gedeutet wurde, weil häufig ursprüngliche auf die Disen (Geistwesen) weisende Flurnamen später als „Eis“ oder „Eisen“ mißverstanden wurden. Die Nachsilbe „-hardt“ allerdings ist neuere Zutat.
Wenn Belzig ein wichtiger Kultort des Gottes Balder gewesen ist, dann war sicher auch die Umgebung diesem Gott geweiht. Und thatsächlich finden sich in der Nähe von Belzig noch Ortsnamen, die auf den Balderkult gedeutet werden können. So Kranepuhl (Kraenepöel) (angeblich: Krähenpfuhl) und Pols (1361 Poltitz), die den Namen Phol (andere Namensform von Balder) enthalten, außerdem Wittenberg, der „weiße Berg“. Die Belziger Burg wurde in einer Chronik ja auch „das weiße Schloß“ genannt, wie ich schon ausführte. Nördlich von Wittenberg, heute eingemeindet, liegt auch das Dorf Apollensdorf, in der Mundart der Bewohner wurde es immer Boldensdorf genannt, der Boldensberg oder Bollensberg als höchste Erhebung ist als Kultstätte durch Sagen und Funde erwiesen. In der Nähe lag auch ein Dorf Bülzig.
In Helmolds Wendenchronik (12. Jh.) heißt es:
>Diese Länder sollen einst die Sachsen bewohnt haben, wie man das an alten Dämmen sehen kann, welche an den Elbufern im Sumpflande der Balsemer aufgeführt waren<.
Der mittelalterliche Übersetzer hat als Anmerkung hinzugefügt:
>Das Balsemer Land, das Land Belze oder Belesem...<
Es ist nicht sicher, wo dieses Land Balders lag, nur daß es in der Elbgegend war, ist sicher. Möglicherweise ist damit auch die Gegend des Hohen Flämings und Belzigs gemeint.
Wie sah nun der Kult des Gottes Balder aus? Aus der nordischen Friðþjófs saga frækna vom Ende des 13. Jh. erfahren wir von einem Balders-Tempel am Sognefjord. In der Umgebung liegt noch jetzt ein Baldersgrov und ein Baldersvold. Es heißt in der Saga:
>Unweit von dort lag westlich am Fjord die Stätte, die Baldershag genannt wurde;.... Dort war ein großer Hof (Tempel) und eine Opferstätte und ein hoher Lattenzaun darum; und dort sollten Frauen und Männer nicht zusammenkommen<.
Der Platz genoß einen heiligen Frieden, denn es heißt in der Saga auch:
>Denn niemand ist so kühn, daß er dort frevle<.
Balder ist ja der lichteste und reinste Gott, daher muß man sich auch in Seinen Heiligtümern entsprechend verhalten. Man war schon allgemein recht streng, was Heiligtümer betrifft, aber bei Balders-Heiligtümern war man noch strenger. Hier wurde nichts Unreines geduldet.
Wie mit dem Baldersbild umgegangen wurde, sagt Kap. 9 der Saga:
>Als einst während eines Disenopfers Friðþjófr in den Tempel Balders in Baldershag an der Sognebucht tritt, brennt Feuer. Die Könige saßen herum und tranken zum Opfer, indes ihre Frauen das Götterbild am Feuer wärmten [bökuðu goðin], schmierten und mit Tüchern abtrockneten<.
Auch hier steht Balder im Zusammenhang mit dem Kult der Disen, ähnlich wie in Belzig. Das Bild Balders wurde mit Butter eingerieben. Ähnliche Bräuche aus andern Gegenden sind überliefert. Nach einer Erzählung aus den Alpen fütterten Hirten täglich einen Strohmann oder Holzgott mit Butter, und Voetius überliefert in seinem Buch „de Superstitione“, daß man am Heiligentage Pauls (Pauli Bekehrung) ein Strohbild mit Butter einrieb; „St. Paul“ ist ein Ersatzheiliger für den Gott Phol (= Balder). Noch aus dem 19. Jh. stammt eine norwegische Überlieferung, daß beim Julfest Holzgötter gesalbt wurden. Einem derartigen Idol, das Gudmund genannt wurde (und wohl Wodan darstellt), brachte man Opfer von Speisen und frischgebrautem Bier, ähnlich wurde ein „Fakse“ („Mähne“) genanntes Holzbild verehrt. Vielleicht muß man beim Balderkult am Sognefjord aber auch an gebackne Kultfiguren denken, denn eine fiel nach der Friðþjófs saga in das Feuer und der Tempel brannte ab.
Wofür ist der Gott Balder nun zuständig? Am Sog-nefjord galt Er allgemein als Schützer des Landes, nach dem Mythos aber ist Balder Gott des Lichtes und damit der Erleuchtung (auch im spirituellen Sinne), der Helligkeit, der kultischen Reinheit und des Guten und Glückes allgemein. Als Lichtgott verkörpert Er auch einen Sonnenaspekt, nämlich den Höchststand der Sonne, und vermutlich ist Er auch ein Gott der Gerechtigkeit oder der gerechten Entscheidungen; „Die Sonne bringt es an den Tag“ lautet ein Sprichwort, und Balders Sohn Forseti ist der göttliche Richter und Rechtsgott, so daß auch Balders Funktion in einem damit verwandten Bereich zu suchen ist. Der Lichtgott ist immer auch ein tapferer Streiter gegen die Dunkelmächte. Mit dem Gott Balder bzw. Seinen Kultstätten werden meist fruchtbare Auen, von Bächen und Quellen durchzogene Wiesen, genannt. Es ist daher nicht falsch, Balder auch als einen Gott des Wachstums und der Fruchtbarkeit anzusehen.
Seine Festtage sind besonders das Maifest, welches bei den Celten nach dem Gott Bel geradezu „Beltene“ (Bels Feuer) heißt. Der 2. Mai heißt in rheinischen Gegenden noch Pfultag, Pulletag ansonsten Pholtag (Balders Tag). Die Monate Mai und September heißen auch Pholmânôt. Auch das Disenopfer scheint – so man der Friðþjófs saga folgt – auch Balder geweiht zu sein, nach dem Mythos sind auch Mittsommer und Herbst Festtage für Balder.
Man sollte also Belzig nicht „Bad Belzig“, sondern besser „Belzig - Stadt des Lichtgottes“ nennen und mit Bildern, die die Sonne über Belzig zeigen, werben. Am Quellteich unterhalb der Burg sollte man eine Tafel aufstellen, auf der auf das Heiligtum hingewiesen wird. Man könnte auch ein aus Holz geschnitztes Bild Balders/Bels dort errichten, das an die einstige Bedeutung dieses Ortes erinnert.